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21. Juni 2016

Meine Kieztour - ein Bericht über einen interessanten und abwechslungsreichen Tag in Nord-Neukölln








Bally Wulff

Der Regen legte sich, die Sonne lugte hinter den Wolken hervor, bestes Timing um mit einer Gruppe Interessierter meine Kieztour einzuläuten. Als erstes bekamen wir beim Unternehmen Bally Wulff bei einem Rundgang und Gesprächen mit dem Geschäftsführer und leitenden Mitarbeiter*innen einen Einblick in die Arbeit des Spielautomatenherstellers. Bally Wulff produziert seit über fünfzig Jahren Spielautomaten in Neukölln. Im nächsten Jahr ist damit am bisherigen Standort aber Schluss, denn auf dem Gelände sollen Wohnungen entstehen. Es wird schwierig werden, einen neuen Standort zu finden, denn auch im Gewerbebereich sind die Mieten in den letzten Jahren rasant gestiegen. Dennoch würde das Unternehmen gerne in Neukölln bleiben – über neunzig Prozent der 280 Mitarbeiter*innen wohnen in der Nähe.

Ein großes Problem im Bereich des Glücksspiels, welches von der Politik oftmals vernachlässigt werde, sei die illegale Verbreitung von Automaten, der Schwarzmarkt blühe. Gastronomische Betriebe haben oft mehr als die zwei erlaubten Automaten, auch in Wettbüros sind sie zu finden, obwohl dies hier verboten ist. Das Bezirksamt hat nach der jahrelangen Sparpolitik der Großen Koalition nicht genügend Personal, um diesbezüglich zu kontrollieren und scheinbar auch kein Bestreben danach illegal agierende Betriebe durch den Entzug der sogenannten Geeignetheitsbescheinigungen zu stoppen.

Die illegale Verbreitung von Spielautomaten verhindert einen effektiven Spieler*innenschutz. Bally Wulff gehört zur „Spielstation“, einem deutschlandweiten Zusammenschluss von Unternehmen, der zur Prävention von Spielsucht und für Jugendschutz hauptamtliche Präventionsberater*innen stellt. Im illegalen Umfeld können die Menschen jedoch nicht erreicht werden, besonders für Spielsüchtige kann dies schwerwiegende Folgen haben.

Die große Koalition hat kurz vor dem Ende der Legislaturperiode nun das „Gesetz zur Umsetzung des Mindestabstands nach dem Spielhallengesetz Berlin“ auf den Weg gebracht, das als großer Erfolg gefeiert wird. Doch eine Verschärfung des bestehenden Rechts, das nur auf quantitative Aspekte wie den Mindestabstand zwischen Spielstätten setzt und nicht die qualitativen Anforderungen an Spielstätten behandelt, wird die bestehenden Probleme nicht lösen. Ein wirkungsvolles Gesetz müsse eine Zertifizierungspflicht sowie ein Geräteregister beinhalten, welche den Handel mit illegalen Spielautomaten erschweren würde, und Kontrollen effektiver machen würde. Hierfür müsste dem Bezirksamt jedoch auch Personal zur Verfügung stehen.

Web: https://www.ballywulff.de/

MoRo Senioren Wohnanlage & Weserstraße

Nach einer Mittagspause in der MoRo Senioren Wohnanlage, in der meine Begleiter*innen und ich uns vom Menu des Tages und einer herzliche Bewirtung überzeugen konnten, machten wir uns, natürlich per Rad, auf den Weg zur Weserstraße. Diese eigentlich als Fahrradroute vorhergesehen Straße sticht noch immer durch ihren besonders schlechten Zustand für Radfahrer*innen hervor. Ihr viel zu schmaler Fahrradweg ist auf großen Teilen von Baumwurzeln durchbrochen, Straßenlaternen und Schilder sind so platziert, dass das Fahrradfahren zur Slalomfahrt wird. Nach einem jahrelangen Kampf wird nun ein Teil der Weserstraße, ca 800 Meter lang, in eine Fahrradstraße umgewandelt. Aller Anfang ist schwer!

Web MoRo: http://www.moroseniorenwohnanlagen.de/

Rückenwind

Danach ging es weiter zum jungen Verein Rückenwind – Fahrräder für Flüchtlinge e. V. , der es sich zum Ziel gesetzt hat „Geflüchteten den oft beschwerlichen Alltag hier leichter zu machen und ihnen ein Stück Selbstständigkeit zurückzugeben – mit Fahrrädern!“.

In ihrer Werkstatt im Sharehaus „Refugio“ in der Lenaustr. 3 reparieren sie gemeinsam mit Geflüchteten Fahrräder, die diese anschließend mitnehmen können. 365 Fahrräder konnten schon repariert und abgegeben werden. Jedes Rad wird mit einem Fahrradschloss herausgegeben und wer möchte, bekommt auch einen Fahrradhelm dazu. Die Nachfrage ist groß und die Warteliste lang. Mundpropaganda und soziale Medien haben dazu beigetragen.

In nur einem Jahr seit Vereinsgründung ist hier schon viel passiert: die Werkstatt wurde ausgebaut und ausgestattet, Kontakt zu Ehrenamtlichen und Geflüchteten musste koordiniert werden, alte Fahrräder beschafft und Materialien finanziert werden. Bisher wird fast alles durch ehrenamtliche Arbeit gestemmt. Die alten Fahrräder stammen zumeist aus Privatspenden. Kosten für die Miete der Werkstatträume sowie für Verbrauchsmaterialien werden durch Spenden finanziert, doch um der Nachfrage gerecht zu werden, müssen weitere Investitionen folgen, für die gerne Spenden entgegengenommen werden (https://www.betterplace.org/de/organisations/23616-ruckenwind-e-v)

Rückenwind verbindet auf wunderbare Weise Aspekte, die auch mir sehr am Herzen liegen. Hier wird ein Beitrag zu Selbständigkeit und umweltfreundlicher Mobilität im Stadtraum geleistet. Alte Räder landen nicht auf dem Müll oder verrotten auf unseren Straßen, sondern werden recyclt und wieder fit gemacht. Darüber hinaus bietet Rückenwind mit diesem Projekt einen Ort der Begegnung und des interkulturellen Austauschs.

Web: http://rueckenwind.berlin/de/startseite/

Hertzberg Golf

Auf dem Hertzbergplatz, versteckt hinter Bäumen, befindet sich das Hertzberg-Golf. Vor drei Jahren hat Frank Terhorst die Minigolfanlage aus den 1960er Jahren übernommen und Mitten in Nordneukölln eine kleine grüne Kiezoase geschaffen. Neben Minigolf kann hier auch Pit-Pat gespielt werden, danach lädt der gemütliche Biergarten zum Verweilen ein. Das Hertzberg-Golf ist nicht einfach nur ein Minigolfplatz; hier trifft sich die Nachbar*innenschaft, Feste werden gefeiert oder auch ein Flohmarkt und Filmvorführungen veranstalte

Web: http://www.hertzberg-golf.de/#hertzberg

Ich danke allen Vereinen und Unternehmen die uns einen Einblick in ihre Tätigkeiten gegeben haben, sowie allen Interessierten die mich auf dieser Kieztour begleitet haben!

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